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icd-9

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Rezensionen, die einfach einmal sein mußten

Es gibt Bücher -- die Bibel ist eines von ihnen -- die vom Leser nicht verlangen, von vorne bis hinten zusammenhängend rezipiert zu werden, sondern die im Gegenteil ihre Stärke im Jederzeit-irgendwo-aufgeschlagen-werden-können zeigen und dem solcherart tätigen Leser immer wieder aufs neue hinreichend Stoff zu eingehender Kontemplation liefern.
Ein solches ist der ICD-9.
Der in Fragen der medizinischen Diagnostik eher unbedarfte Leser sei hiermit informiert, daß es sich beim ICD-Code um ein von der WHO iniitiertes Kompilat klinischer Diagnosen handelt, was aber in diesem Rahmen keine weitere Bedeutung hat.
So er sich auf das Werk einläßt, merkt er schnell, daß dieses nicht nur den Anspruch erhebt, jedweden Fährnissen und Unbilden des irdischen Daseins von 650 über V21.1 und V61.1 bis hin zu 797 und 798 Beachtung und Betrachtung angedeihen zu lassen, sondern daß es dem Suchenden auch in Fragen von Sitte, Anstand und Moral stets Halt und Stütze zu geben erbötig ist.
Sollte er beispielsweise versucht sein, sich E960 bis E965 hinzugeben, so wird ihm, bei E978 angelangt, gewiß Belehrung und Bekehrung zuteil werden.
Obwohl das Buch inzwischen seine zehnte Auflage erlebt, weist es dennoch Mängel auf, die allenfalls bei einem Erstlingswerk verzeihlich sind.
Die Beschaulichkeit der ersten Hälfte weicht unversehens einer fiebrigen Hast, die vermuten läßt, daß dem Autor Geld, Muße, Inspiration oder andere Quellen zur Neige gingen. Während zunächst noch 429 Arten von Verkehrsunfällen Erörterung in extenso widerfährt, von Punkt E804, der auch die sprachliche Virtuosität des hier übermütig mit Präpositionen jonglierenden Autors eindrucksvoll unter Beweis stellt, bis hin zu Punkt E845, wandelt sich diese Ausführlichkeit in späteren Abschnitten zu einer durch die behandelten Themen keinesfalls gerechtfertigten, mönchischen Kargheit.
So hätte der genannte Leser insbesondere bei Punkt 302.1 deutlich mehr Differenzierung erwartet, erscheint ihm doch der Unterschied zwischen einem kaukasischen Bergschaf und einem Deutschen Schäferhund gewiß nicht geringer als der zwischen einem Luftfahrzeug mit und einem ohne Kraftantrieb.
Desgleichen hülfe es sehr, hätte der Verfasser sich der Mühe unterzogen, zum Beispiel Eintrag 372.0 durch einige erklärende Worte zu bereichern. Man hätte sich manch mentalen Irr- und Holzweg zu beschreiten nicht genötigt gesehen.
Bedauerlich auch, daß dem Hauptquell menschlichen Leidens, der Liebe, allenfalls marginale Behandlung zuteil wird. Einzig die Symptome 785.1 und 307.0 weisen vage auf die geringsten unter ihren Widrigkeiten hin. Eine Lücke, die zu schließen auch bei der inzwischen erschienenen überarbeiteten Neuauflage ICD-10 versäumt worden ist.
So bleiben viele Fragen offen, und die intensive Auseinandersetzung mit diesem Werk vermag den nicht allzu gefestigt im Diesseits stehenden Leser leicht in das von 318.0, 318.1 und 318.2 aufgespannte Bermudadreieck zu werfen, weswegen ihm an dieser Stelle angeraten sei, sich ihrer tunlichst zu enthalten.
Gesund ist das nicht.